Kommentar

Während der Bewältigung einer persönlichen Krise, die durch verschiedene Verlustsituationen ausgelöst wurde, fielen mir erstmalig die Sokratischen Dialoge von Platon in die Hände. Die Lektüre dieser Dialoge half mir, meine Situation zu relativieren. Meine Angst legte sich, ich wurde ruhiger. Dass Entwicklung keine Sicherheit kennt und die einzige Sicherheit in der Selbsterkenntnis liege, hat mich damals sehr getröstet. Diese Erfahrung wollte ich unbedingt teilen. Ich begann mich näher mit dem Thema der Philosophischen Praxis zu beschäftigen. Sie versteht sich als außerakademische Tätigkeit und bietet professionelle philosophische Beratung an. Es gibt tatsächlich philosophische PraktikerInnen, die Hausbesuche machen und Klienten, die philosophische Praktiker aufsuchen. Die Existenz dieser offiziellen „Dienstleistung“ in Form gemeinsamen Denkens ist nahezu unbekannt, obwohl sich die Philosophische Praxis seit den 80er Jahren konstant entwickelt und verbreitet. Parallel dazu setzte ich mich mit den Arbeiten des Theaterkollektivs Rimini Protokoll und der Künstlerin Marina Abramović auseinander. Ich war fasziniert von der Vorstellung, eine künstliche Intervention im öffentlichen Raum dokumentarisch zu begleiten. Auf der Suche nach einer entsprechenden Form, orientierte ich mich an der mittelalterlichen Tradition der Walz. Mit dem Unterschied, anstelle eines Handwerkers, einen Philosophen auf Wanderschaft zu schicken.

Zu den Probeaufnahmen mit interessierten Philosophieabsolventen gesellte sich im Laufe der Recherche unerwartet ein 77-jähriger Philosoph. Sein Name ist Wolfgang Deppert. Er war derjenige, nach dem ich die ganze Zeit suchte. Seine Umtriebigkeit, sein Wissen und sein Idealismus, Menschen mit Hilfe von Immanuel Kant zum Selbstdenken zu erziehen, zogen mich in den Bann. Seine grundsätzliche Furchtlosigkeit, Menschen auf offener Straße anzusprechen und in ein Gespräch zu verwickeln, erinnerte mich an das antike sokratische Vorgehen. Es ging nicht mehr darum, einen Film über die Philosophische Praxis zu machen, sondern darum, ein unkonventionelles Porträt mit und über Prof. Dr. Wolfgang Deppert „auf den Weg“ zu bringen.

Da das Philosophieren in HAUSBESUCHE größtenteils dialogisch passiert, war es notwendig, eine andere Ebene im Film zu haben. Eine Ebene, die ohne Worte auskommt und gleichzeitig einen Mehrwert für den Protagonisten darstellt. Durch die Arbeit mit einer professionellen Schauspielerin fügten wir dem beobachtenden Element des Dokumentarischen einen fiktionalen Erzählstrang in einer völlig anderen Ästhetik hinzu. Dies war verbunden mit der Sehnsucht, einer Grenzauflösung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm näher zu kommen. So bestand das Drehbuch aus zwei Linien: Die Geschichte eines wandelnden Philosophen und die Geschichte einer trauernden Braut in ihrer Wohnung –  beiden liegt ein gemeinsamer Wesenskern inne.

Der intensive und lange Montageprozess führte zu einer Selbstwerdung des Projekts, für die ich sehr dankbar bin. Mit der Annahme der Disparität kristallisierte sich für mich beim Schneiden immer deutlicher heraus, wozu ein Charakter den anderen Charakter emotional braucht. Und umgekehrt. Die Entdeckung unserer selbst durch das Andere wird auf einmal zur humanitären Hausaufgabe. Ist dies – lebenslänglich auf unsere Begrenzungen zurückgeworfen – nur im Imaginären möglich, in einer idealen Realität durch die Fiktion? Ist der Philosoph schlussendlich mehr Kunstfigur als die Schauspielerin? Inwieweit wird ihr Dilemma durch ihn authentifiziert? Ist sein Dilemma ihr Dilemma? Das äußere Wollen – der Wahlkampf für die Philosophie – geht über in ein leises, inneres und anhaltendes Verhör: Was und wen brauche ich, um mich als Mensch zu verwirklichen?